18.08.2016, Donnerstag – Poltergeister und Schmetterlinge

Meine Bestellung ist eingetroffen. Das Kleid, auf dessen Vorderseite ein auffälliger, blauer Schmetterling abgebildet ist, passt ausgezeichnet, und der Pulli mit einem aufgedruckten, künstlerisch gestalteten Schmetterling, ebenfalls in blau, entspricht voll und ganz meinen Vorstellungen.
Kaum habe ich die Sachen anprobiert, eile ich zu einem Termin mit Frau Blume. Ich erzähle der Psychologin, dass seit dem ersten Geburtstag meines Mannes nach dem Flugzeugabsturz Schmetterlinge für uns zu einem Symbol für Jens geworden sind. Ich frage sie, ob wir Wahnvorstellungen unterliegen, weil wir ihn in jedem dieser Insekten sehen und ich mir Anziehsachen mit entsprechenden Abbildungen kaufe.
Sie ermuntert mich, jene Gedanken zuzulassen. Ich bin erstaunt. Sie erlebe immer wieder, dass Patienten, die einen Todesfall zu beklagen haben, von derartigen Dingen berichten, so auch von Poltergeisterscheinungen. Plötzlich kippen diverse Gegenstände in der Wohnung um oder stehen angeblich nicht mehr an ihrem angestammten Platz, sondern tauchen woanders auf.
Ich denke an den vorgestrigen Geburtstag von Jens. Wir warteten in einem griechischen Restaurant auf unsere Speisen. Sassa rollte auf dem Tisch ihre Tafel aus schwarzer Plastfolie auf, um mit Kreide darauf zu malen. Ich rückte ihr Trinkglas beiseite und erklärte, dass sie aufpassen müsse, damit es nicht umfalle. Sekunden später stürzte es durch meine Schuld um. Sie bekam nasse Strümpfe.
Thomas meinte dazu scherzhaft: »Das war Jens.« Er gestikulierte dabei, stieß an sein Glas, was daraufhin ebenfalls umkippte und die Tischdecke tränkte.
Auf dem Rückweg von der Psychologin stoppe ich das Fahrzeug an einer roten Ampel. Ich betrachte ungeduldig die Personen, die die Straße überqueren. Ich bin in Eile, denn wir wollen mit unserer Enkelin in den Zoo. Plötzlich entdecke ich eine lange Hose, die vor einem Asienladen an der Tür auf einem Bügel im Wind schaukelt. Ihre Beine sind mit großen und kleinen Schmetterlingen bedruckt, blaue sind auch dabei.
›Die will ich unbedingt haben‹, entscheide ich und begutachte sie versonnen. Ein heftiges Hupen hinter mir erinnert mich an die Realität. Es ist grün. Die nächste Seitenstraße biege ich kurzentschlossen ab, um einen Parkplatz zu finden. Ich haste zum Laden, begleitet von der Angst, jemand könne die Hose vor mir wegschnappen.
Sie passt. Ich öffne das Portemonnaie, stelle allerdings fest, dass sich darin kaum Geld befindet. Da eine Bezahlung mit Karte in dem Geschäft nicht möglich ist, suche ich in der Umgebung einen Automaten, um Bares abzuheben. Sassa muss warten.
Als ich zufrieden mit meiner Errungenschaft auf dem Beifahrersitz nach Hause fahre, bedrängt mich erneut der Gedanke, ich könnte verrückt sein und die Psychologin habe den Ernst der Lage nicht so recht erkannt. Ich kaufe diese Kleidung zwar freiwillig, jedoch ist es Zufall, dass ich sie sehe. Derart viele Sachen mit Schmetterlingsmotiven kann es doch gar nicht geben!
Erst gestern habe ich einen Pulli, bedruckt mit winzigen Schmetterlingen, gekauft. Er lockte, da er extrem billig war. Heute ist das Versandhauspaket gekommen, auf das ich bereits seit einigen Tagen gewartet habe, und jetzt bin ich im Besitz einer Schmetterlingshose, die ich vom Auto aus erspähte, nur weil die Ampel auf Rot stand. Letztendlich komme ich zu dem Schluss, Jens wollte mir die Sachen zukommen lassen. Er grüßt mich aus einer fremden Welt. Das flatternde Wesen ermöglicht ihm das.
Wir vergnügen uns mit Sassa im Zoo. Sie ist mit einem neuen Shirt bekleidet, was sie lauthals verkündet. Stolz hebt sie es mit beiden Händen etwas an, um das Bild auf der Vorderseite besser zu sehen. Darauf prangt, wie sollte es anders sein, ein Schmetterling.
Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.
›Nein, Jens grüßt uns‹, verscheuche ich sogleich die skeptischen Gedanken und lächle.
Ich diskutiere mit meinem Mann über die Häufung der Schmetterlingserlebnisse in wahrhaft kurzer Zeit, aber er setzt noch einen drauf. Gestern besuchte er seine Mutti im Heim. Ihm fielen die an den Zimmertüren gefalteten, bunten Papierschmetterlinge auf, die kürzlich angebracht wurden. Sogar der aushängende Speiseplan sei mit entsprechenden 16.08.18_Seniorenheim _ausgeschnMotiven verziert gewesen.
Sassa unterbricht uns: »Oma, Opa, guckt mal, soooo viele!« Sie zeigt auf eine Gruppe von Schmetterlingen, die vor einer Hecke flattern.
Ich lache und stöhne zugleich. Ist das alles Zufall? In so kurzer Zeit? Tritt Jens mit uns in Kontakt? Wir sind davon überzeugt.
Am Abend setzt sich die merkwürdige Aneinanderreihung fort: Ich nehme das Buch von Roland Kachler »Meine Trauer wird dich finden« mit dem interessanten Untertitel »ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit« zur Hand. Ich klappe die Seite auf, die ich gestern gelesen habe. Es folgt die Überschrift »Symbolische Stellvertreter der Natur – Du kommst zu mir geflogen«. Ich erfahre, dass der Autor und Psychologe, der selbst einen Sohn verloren hat und daher weiß, worüber er schreibt, immer dann die Nähe seines Kindes spürt, wenn er Schmetterlinge sieht. Mir stockt der Atem. Das folgende Kapitel handelt von der Synchronizität, also von der Häufung derartiger Ereignisse. Ungläubig verschlinge ich die Zeilen.
Seit gestern sehe ich nur noch Schmetterlinge, und jetzt bekomme ich prompt die Erklärung dafür geliefert. Ich fasse es nicht, bin aufgeregt, fühle mich bestätigt und getröstet. Nein, ich bin nicht verrückt!
Ich weiß, Jens weilt unter uns.

Anmerkung: Vielleicht denken nach der Lektüre einige Leser, ich würde zu dick auftragen. Ich versichere, dass sich all die genannten Geschehnisse innerhalb von nur zwei Tagen zugetragen haben.
Ich habe sogar einen Fakt ausgelassen, der die hier veröffentlichten Fotos betrifft. Niemand würde mir den seltsamen Zusammenhang glauben.

© Brigitte Voß


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Ein Gedanke zu “18.08.2016, Donnerstag – Poltergeister und Schmetterlinge”

  1. Liebe Brigitte,
    ich komme erst heute dazu, Deine letzten Berichte zu lesen.

    Lass mich raten was Du ausgelassen hast? Die Tür mit dem blauen Schmetterling ist die Deiner Schwiegermutter?

    Jedes Mal wenn ich Schmetterlinge sehe, denke ich auch an meine Kinder… Und ich habe auch eine Schmetterlingshose 🙂
    Ansonsten sind es Sterne die mich an Kleidungsstücken magisch anziehen.

    Alles Liebe,
    deine Tina

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