Wir haben das Angebot, die Kur auf sechs Wochen zu verlängern, ohne lange zu Überlegen angenommen. Die andere Umgebung sowie die Luftveränderung wirken anregend auf die Psyche.
Wir sind mit dem, was die Kurklinik bietet voll einverstanden. Während der wöchentlichen Visiten fragen die Ärzte stets, ob wir mit den Therapien zufrieden sind oder Änderungen wünschen. Ist dies der Fall, werden sie sofort veranlasst. Die Therapeuten sind durchweg in Ordnung, sie gehen auf ihre Patienten ein und geben nützliche Tipps.
Wir lernen Menschen kennen, die nicht in die Katastrophe verwickelt sind. Da der Bitte, anonym zu bleiben, entsprochen wurde, verhalten sie sich ungezwungen und fühlen sich nicht verpflichtet, uns gegenüber irgendwelche Rücksichten zu nehmen. Es ist ein hartes Training, dem ich mich stelle. Die Anpassung an das normale, alltägliche Dasein ist verdammt schwer. Oft komme ich mir wie eine Fremde vor, so, als gehöre ich nicht mehr dazu. Werde ich es jemals wieder? Ich kann es mir nicht vorstellen. Jens ist tot. Er starb nicht einmal durch technisches Versagen oder infolge einer Naturkatastrophe. Er starb, weil eine lebende Zeitbombe die Führung des Flugzeuges übernommen hatte.
Die Mitpatienten wundern sich, erfahren sie, dass unsere Kur von vier auf sechs Wochen verlängert wurde. Wollen sie den Grund wissen, antworten wir: »Wir haben Schlimmes erlebt.« Treibt sie die Neugierde, tiefgründigere Fragen zu stellen, hat mein Mann keine Hemmungen freundlich lächelnd zu erwidern: »Wir haben es eben gewaltig im Kopf.« Dafür erntet er spaßige Bemerkungen, manchmal auch ein verlegenes Lachen. Auf jeden Fall erstickt er damit jegliche weitere Fragerei.
Ich habe mir einen Drachen gekauft und gelernt, ihn zu steuern. Je nachdem, wie ich an den Leinen ziehe, wedelt er nach links und rechts. Ich lasse ihn Kreise rasen und, wenn es klappt, sogar Achten. Bin ich nicht so gut drauf, zeigt er sein Unverständnis, indem er mit lautem Knall abstürzt.
Die sich ständig verändernde Natur passt ausgezeichnet zu unseren desolaten Seelen. Sie wird hervorgerufen durch Ebbe und Flut, durch die Sturmböen, die das anfangs ruhige Meer aufwühlen oder durch den Nebel, der in Schwaden über Wasser und Land kriecht und dabei überraschend von den Strahlen der Sonne durchstochen wird. Wetterunbilden sind genauso willkommen wie der blaue Himmel. Täglich sind wir draußen, egal, ob wir durchnässt und halb erfroren zurückkehren (was wohl nicht jeder verstehen wird). Die Naturgewalten mit all ihren Facetten sind für mich ein Zeichen von Leben und flößen einen ungeheuren Respekt ein.
Wir lieben es, in der therapiefreien Zeit am Strand spazieren zu gehen. Mit Bewunderung und zusammengekniffenen Augen stemme ich meinen Körper gegen die Kraft der Herbststürme, die zu weilen den Sand derart in die Höhe pusten, dass dessen feine Körner der Luft ein weißes Flair verpassen. Die Wolken bilden prächtige Formen und werfen um diese Jahreszeit extrem lange Schatten, die die Fantasie anregen.
Wir beobachten das Spiel des Lichtes auf der Wasseroberfläche, aber auch seine Reflexionen am Himmel.
Flimmert auf der Promenade das Gegenlicht durch die Zweige der Bäume, denke ich, das ist, wie überhaupt all die faszinierenden Naturerscheinungen ein Gruß von Jens aus der fernen Welt, obwohl ich keiner Religion anhänge und nicht so recht an ein Weiterleben nach dem Tod glauben kann. So gern ich das seit der Katastrophe möchte.
Und trotzdem habe ich aus dem Internet das folgende Gedicht von Elizabeth Frye kopiert, da mir Sinn und Worte gefallen:

© Brigitte Voß
Entdecke mehr von SEELENRISSE
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.


